PETER HENISCH: DER SCHWARZE PETER

 

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BIOGRAPHIE

Geboren am 27. August 1943 in Wien.Nach der Matura Voluntariat bei der "Arbeiter Zeitung", Wien.Studium der Germanistik, Philosophie, Geschichte und Psychologie.Nicht beendete Dissertation über Ernst Bloch.
1969 Mitbegründer der Zeitschrift "Wepennest".
Mitbegründer, Sänger und Texter der Musikgruppe "Wiener Fleisch und Blut".
Seit 1971 freiberuflicher Schriftsteller in Wien, Niederösterreich und in der Toskana.
Regelmäßige Buchpublikationen seit 1972.
1970-73 Mitglied des "Arbeitskreises österreichischer Literaturproduzenten".Lebt in Wien.

Preise, Auszeichnungen

1970 Staatsstipendium des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst für Literatur
1971 Preis des Wiener Kunstfonds der Zentralsparkasse Wien für Literatur
1971 Förderungspreis des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst für Lyrik
1973 Luitpold-Stern-Förderungspreis für besondere Verdienste um die Arbeiter- und Erwachsenenbildung des Österreichischen Gewerkschaftsbundes
1973 Förderungspreis für Literatur des Theodor-Körner-Stiftungsfonds zur Förderung von Wissenschaft und Kunst
1975 Förderungspreis der Stadt Wien für Literatur
1976 Rauriser Sonderpreis für Literatur
1977 Anton-Wildgans-Preis der österreichischen Industrie für Literatur
1981 UNDA-Preis der Internationalen katholischen Vereinigung für Rundfunk und Fernsehen Monte Carlo (gemeinsam mit Wolfgang Glück)
1986 Buchprämie des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst

 

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Inhalt

 

Peter Jarosch ist das Kind einer Wienerin und eines amerikanischen GI. Er hat eine dunkle Hautfarbe und wächst im Wien

 der Nachkriegszeit auf. Als typisches  Kind aus kleinen Verhältnissen  spielt er am Donaukanal, ist leidenschaftlicher Fußballer und spricht den Wiener Dialekt. Trotzdem gehört er nicht richtig dazu.Er heiratet sehr früh, wird Vater und und macht schließlich Karriere als Austropopper. Nach der gescheiterten Ehe geht er nach Amerika, um seinen Vater zu finden.

Als er viele Jahre später seine Heimatstadt besuchen will, vergisst er im Zug seine Tasche mit  Pass und Geld. Auf der Kärnterstraße versucht er sich als Musiker und wird prompt als vermeintlicher afrikanischer Drogendealer verhaftet. Dass er perfektes Wienerisch spricht, hält die Polizei für eine besonders geschickte Tarnung.

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REZENSION

Peter Henisch: Der schwarze Peter
Roman.
Salzburg, Wien: Residenz, 2000.
543 S., geb.; öS 348.-.
ISBN 3-7017-1138-4.

Eine Bar in New Orleans. Irgendwann in den frühen Morgenstunden. Die Gäste sitzen im Halbdunkel des Lokals, ihre Gesichter sind kaum erkennbar für den Pianisten am beleuchteten Klavier. Sie bleiben anonym, aber er erzählt. Er erzählt seine Geschichte, sein Leben. Soweit das überhaupt erzählbar ist. Er vertraut sich Leuten an, die für ihn Fremde bleiben, aber er spürt, dass sie ihm zuhören. Ist es nur ein Abend? In einer Nacht kann man wohl kaum so viel erzählen, so viele Begebenheiten aus einem bewegten Leben.

Es werden schon mehrere Nächte gewesen sein. Und die Gäste, das sind wohl wir, die Leser, auch wenn wir zu Beginn, wenn wir zu Hause am Diwan oder im Kaffeehaus oder in der Straßenbahn das Buch aufschlagen, noch gar nicht wissen, dass wir eigentlich in einer der unzähligen kleinen Jazz-Bars von New Orleans sitzen und uns halt noch einen Drink bestellen, damit wir dem schwarzen Peter noch eine Weile zuhören können.

Peter, der Barpianist, kommt ja eigentlich aus Wien. Er ist der Sohn einer österreichischen Straßenbahnschaffnerin und eines amerikanischen Besatzungssoldaten, der schließlich wieder verschwunden ist, nach Hause in die USA. Der Bub, schwarz wie sein Vater, blieb in Wien, und die Mutter nannte ihn Peter. Ganz schwarz war er nicht, aber eben doch fast. Und vor allem viel dunkler als die anderen, zum Beispiel seine Klassenkameraden.

Peter Henisch schildert mit viel Einfühlungsvermögen und Sinn für Details aus dem österreichischen Nachkriegsalltag und den Jahren des Wirtschaftswunders die Schwierigkeiten, die einem Kind, einem Jugendlichen, einem Erwachsenen begegnen, der anders ist als der Durchschnitt. Oder einfach nur anders aussieht.

Der Roman ist in der ersten Person gehalten und liest sich über weite Strecken wie eine gelungene Mischung aus (fiktiver) Autobiographie, Bildungsroman und Satire. Henisch ist auch etwa gleich alt wie sein Protagonist und kennt ganz offensichtlich Ort und Zeit, die er beschreibt, aus eigener Erfahrung. Und Außenseiter waren auch schon (fast) immer die wichtigsten Figuren in seinen Romanen.

Aber Peter Jarosch ist kein komischer Vogel im Sinne eines Pepi Prohaska Prophet[en] (das trifft eher auf einige der Personen zu, die seine verschlungenen Wege kreuzen), im Gegenteil: er versucht in jungen Jahren stets, sich aus dem Abseits herauszuspielen, und das gelingt ihm schließlich (sic!) beim Fußball. Als er mit der gleichen Nummer wie Pelé ins Felde zieht, ist "Negerl" schon mehr anerkennend als bös gemeint. Negerl, du gehörst zu uns und wir sind stolz auf dich.

Fußballspiel ist eine seiner beiden Leidenschaften, die andere ist die Musik, insbesondere das Klavier, vor allem als er nach einer Reihe von Knieoperationen auf ersteres verzichten muss. Und mit der Musik macht er auch später so etwas ähnliches wie Karriere, zuerst in Wien als Popstar, Familienvater und nicht immer treuer Ehemann und dann in New Orleans als Barpianist ...

Auf der Suche nach seinem Vater und der Flucht vor seiner kaputten Ehe kommt der Protagonist nach Louisiana - und bleibt dort. Er bricht alle Brücken ab, beginnt ein neues Leben, und er hätte dieses auch in aller Ruhe genießen können, wäre da nicht seine Heimatstadt gewesen. Je älter Peter Jarosch wird, desto mehr zieht es ihn zurück nach Wien. Er vergrault damit seine Lebensgefährtin, die von einer Europareise nichts wissen will, und begibt sich schließlich allein auf die Spuren seiner Kindheit.

Und hier treffen die beiden Handlungsebenen Wien und New Orleans, Vergangenheit und Gegenwart aufeinander und die Distanz zum Erzählten verliert sich zusehends. Wir haben uns lange genug zusammen mit dem "schwarzen Peter" an seine Wiener Zeit erinnert, seine jugendlichen Freund- und Feindschaften, homosexuellen Erlebnisse in der Pubertät, die ihn als Erwachsenen noch verfolgen, seine verzwickte Familiengeschichte, den Prager Frühling und in Zusammenhang damit auch an seine Schwiegereltern, die das Paradoxon verkörperten, eigentlich bürgerliche Kommunisten zu sein.

Nun begeben wir uns aber auf das Glatteis der Gegenwart, auf dem Jarosch auch tatsächlich zu Fall kommt. Wer sich heute in Österreich seinen Paß stehlen läßt, dem nützt bei schwarzer Hautfarbe auch der schönste Wiener Dialekt nichts. Was als Reise in die Kindheit begonnen hat, endet in der Schubhaft. Der schwarze Peter hat wieder einmal den schwarzen Peter gezogen.

Der Roman läßt sich sicherlich nicht auf eine literarische Antwort auf die in den letzten Jahren offenbar immer aktueller werdende "Ausländerfrage" reduzieren, obwohl eine Tendenz in diese Richtung natürlich nicht zu leugnen ist. Henischs Stärken liegen wieder einmal vor allem in seinem Erfindungsreichtum skurriler Szenerien, die aber doch so wienerisch sind, dass sie authentischer kaum sein könnten. Und er hält damit einer gewissen Gesellschaft einen Spiegel vor Augen, der nicht gerade schmeichelt, aber auch liebenswerte Seiten nicht ausblendet.
(Nicht nur) Henisch-Fans werden das Buch verschlingen.

Sabine E. Selzer
31. Juli 2000

 

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LESEPROBE

 

Peter Henisch - "Schwarzer Peter"

Sie werden lachen, aber ich komme aus Wien. Auch wenn ich möglicherweise nicht ganz so aussehe. Vienna. Austria. Europe. Ob Sie es glauben oder nicht. Ich bin dort geboren und habe meine ersten dreißig Jahre dort verbracht.
An der schönen, blauen Donau? Das weniger. Also erstens ist die Donau gar nicht blau. Und zweitens fließt sie ja eher an Wien vorbei. Den Donauwalzer werden Sie von mir also nicht zu hören bekommen. Seien Sie mir nicht böse, aber das ist nicht meine Musik.
Was wirklich durch Wien fließt, das ist der Donaukanal. Der kleinere, ordinärere Bruder der Donau. Er nimmt seinen Weg von der Nußdorfer Schleuse, wo er sehr bewußt aus der Donau entlassen wird, bis zum sogenannten Praterspitz, wo er, schon fast vergessen, in sie zurückkehrt. Über diesen Donaukanal würde kein Mensch einen Walzer schreiben.
Alldings gibt es ein Wienerlied, in dem von einer schrägen Wiese am Donaukanal die Rede ist. Es geht ungefähr so - hören Sie - die Blue Notes sind meine persönliche Note. In meiner Kindheit habe ich mir eingebildet, daß ich auf so einer schrägen Wiese gezeugt worden bin. Gewisse Andeutungen meiner Mutter und ihre Vorliebe für eine bestimmte, vor den Blicken Vorübergehender durch besonders dicht wucherndes Gebüsch geschützte Stelle haben mich auf diese Idee gebracht. (S. 7)

 


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INTERVIEW

 

Peter Henisch stellt heute, Dienstag, sein Buch "Schwarzer Peter" vor

Der Entwicklungsroman des Vorurteils

Biografien schräger Figuren machten ihn bekannt. Jetzt hat Peter Henisch einen Entwicklungsroman vorgelegt: "Schwarzer Peter" heißt er nach seinem Helden, einem "Besatzungskind". Michael Cerha sprach mit dem Autor.

Wien - Den Anekdoten um den Stadtstreicher Baronkarl, der kleinen Figur des väterlichen Kriegsfotografen und dem zweifelhaften Wiener Propheten Pepi Prohaska hat der 56-jährige Wiener Autor und Musiker Peter Henisch in der Gestalt des Schwarzen Peters einen weiteren Außenseiter hinzugefügt. Als Sohn einer Straßenbahnschaffnerin und eines schwarzen US-Besatzungssoldaten im Nachkriegswien geboren, verschlägt es den 30-Jährigen als Barpianisten nach New Orleans. 20 Jahre später kehrt er nach Wien zurück. Dem heimatlichen Gefühl an den Stätten der eigenen Kindheit steht die abweisende Haltung der Umwelt gegenüber, die ihn seiner Hautfarbe wegen als Ausländer einstuft.

Fünf Jahre lang hat Peter He-nisch an dem 542-seitigen Ro-man Schwarzer Peter gearbeitet, den er als Summe seines bisherigen Schaffens versteht, und den er heute (19.00 Uhr) in der Alten Schmiede in Wien präsentiert. Zweimal hatte er den Erscheinungstermin verschoben, ehe jetzt die tatsächliche Publikation mit den Turbulenzen beim Residenz Verlag zusammenfiel.

STANDARD: Eine für einen Autor unangenehme Koinzidenz. Wie kommt man damit zurecht?

Henisch: Ich habe sehr viel Zeit und Energie in dieses Buch investiert. Es ist ein Buch über eine Vaterbeziehung, es ist ein Buch über eine Mutterbeziehung, es ist auch ein Buch über Wien, wie es, glaube ich, seit Doderer in dieser intensiven Auseinandersetzung keines gegeben hat. Es ist nicht zuletzt ein Buch über die österreichische Identität. Und in dem Moment, in dem ich dachte, jetzt kommt es heraus, jetzt kann ich die Hände in den Schoß legen, ist der Verlag in die Krise geraten. In Österreich hat das der Aufnahme des Buches nicht geschadet. Aber in Deutschland bläst ihm ein völlig ungerechtfertigter Boykottwind entgegen. Es war ja Jochen Jung, der das Buch ins Programm nahm, und nicht die neue Crew.

STANDARD: Für nicht wenige Ihrer Romanfiguren gibt es reale Vorbilder. Existiert auch eines für den Schwarzen Peter?

Henisch: Meine Mutter war keine Straßenbahnschaffnerin und mein Vater kein Besatzungssoldat, sondern Pressefotograf, wie Sie wissen. Aber mit der Abwesenheit des Vaters habe ich Erfahrungen. Und mit dem Donaukanal. Ich habe den Roman zu schreiben begonnen, nachdem ich dort spazieren gegangen war. Das sind meine Wurzeln, habe ich mir gedacht, aus denen will ich noch einmal die Kraft zu einem großen Roman ziehen. Es gibt also gewisse Parallelen. Aber dann ist der Schwarze Peter doch ein anderer. Vielleicht ein anderer von mir.

STANDARD: Erkennbar ist das reale Vorbild bei jenen, auf die der Schwarze Peter trifft.

Henisch: Es ist auch ein Entwicklungsroman des Vorurteils in Österreich. Deshalb wollte ich, dass das Buch jetzt erscheint. Den Fall Omofuma kannte ich ja noch nicht, als ich zu schreiben begann. Die Passagen im Polizeigefängnis habe ich knapp vor diesem schrecklichen Fall recherchiert, nachher wäre das gar nicht mehr erlaubt worden. Das Buch hat also viel damit zu tun. Darin liegt seine politische Brisanz. Wobei Österreich exemplarisch gemeint ist. Es geht um ein Problem, das auch andere haben. Wien steht hier wie Danzig bei Grass oder Rimini bei Fellini.

STANDARD: Und es ist abermals ein Außenseiter-Buch geworden.

Henisch: Ich glaube, dass unter den literarischen Figuren überhaupt die Außenseiter überwiegen. Nicht nur bei mir. Ich habe solche Romane wie den Simplicissimus oder den Don Quixote wieder gelesen, David Copperfield oder Der Grüne Heinrich. Dass ein Protagonist sich in die Gesellschaft hineinentwickelt und sich dann identisch fühlt mit sich selbst, das kann ja nur funktionieren, wenn er sehr viel verdrängt. Der Schwarze Peter verlässt Wien, weil er hier fast zu einem "weißen Neger" geworden wäre. Und jeder, der schreibt, tut etwas, was andere nicht tun, ist also per se schon ein Außenseiter. Da liegt die Identifikation mit Außenseiterfiguren sehr nahe.

STANDARD: Sie zählen als Autor zur so genannten 68er-Generation, für die politisches Engagement selbstverständlich war. Sie traten in der Frühzeit des Wespennests für "brauchbare Literatur" in dem Sinn ein, dass Verständlichkeit unerlässlich ist, weil es auch um die Übermittlung einer Botschaft geht. Hat sich Ihr ästhetisches Kalkül geändert, oder ist es dasselbe geblieben?

Henisch: Ich glaube schon, dass es sich entwickelt hat. Aber es stimmt, dass das Formale für mich etwas Selbstverständliches ist, das nicht dazu da ist, den Leser zu sekieren. Aber ich schreibe in vielen Schichten wie ein mittelalterlicher Tafelmaler. Ich arbeite intensiv an der Form. An der Evidenz der Formulierung. Die außersprachliche Wirklichkeit hat mich immer interessiert. Ich empfinde sie nicht als störend, sondern als das, worauf es ankommt. Ich habe mich im Endeffekt mehr angesprochen gefühlt durch die Väter und Onkel aus der Zeit zwischen 1900 und 1950 als durch die Brüder und Schwestern der sprachkritischen Zeit. Das heißt nicht, dass ich diese Arbeit nicht geschätzt hätte. Ich habe auch konkrete Gedichte geschrieben. Aber worauf es hinauslief, das war die epische Form, die lange Zeit bei mir etwas Fragmentarisches hatte, und die in Büchern wie Schwarzer Peter jetzt zu sich selbst findet.

 

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