INGEBORG
BACHMANN
Große
Landschaft bei Wien
Geister der
Ebene, Geister des wachsenden Stroms,
zu unsrem Ende
gerufen, haltet nicht vor der Stadt!
Nehmt auch mit
euch, was vom Wein überhing
Auf brüchigen Rändern,
und führt an ein Rinnsal,
wen nach Ausweg
verlangt, und öffnet die Steppen!
Drüben
verkümmert das nackte Gelenk eines Baums,
ein Schwungrad
springt ein, aus dem Feld schlagen
die Bohrtürme
den Frühling, Statuenwäldern weicht
der verworfene
Torso des Grüns, und es wacht
die Iris des öls
über den Brunnen im Land.
Was liegt daran?
Wir spielen die Tänze nicht mehr.
Nach langer
Pause: Dissonanzen gelichtet, wenig cantabile.
(Und ihren Atem
spür ich nicht mehr auf den Wangen!)
Still stehn die
Räder. Durch Staub und Wolkenspreu
schleift den
Mantel, der unsre Liebe deckte, das Riesenrad.
Nirgends gewährt
man, wie hier, vor den ersten Küssen
die letzten. Es
gilt, mit dem Nachklang im Mund
weiter zu gehn
und zu schweigen. Wo der Kranich
im Schilf der
flachen Gewässer seinen Bogen vollendet,
tönender als die
Welle, schlägt ihm die Stunde im Rohr.
Asiens Atem ist
jenseits.
Rhythmischer
Aufgang von Saaten, reifer Kulturen
Ernten vorm
Untergang, sind sie verbrieft, so weiß ich's
dem Wind noch zu
sagen. Hinter der Böschung
trübt weicheres
Wasser das Aug, und es will
mich noch
anfallen trunkenes Limesgefühl;
unter den
Pappeln am Römerstein grab ich
nach dem
Schauplatz vielvölkriger Trauer,
nach dem Lächeln
ja und dem Lächeln Nein.
Alles Leben ist
abgewandert in Baukästen,
neue Not mildert
man sanitär, in den Alleen
blüht die
Kastanie duftlos, Kerzenrauch
kostet die Luft
nicht wieder, über der Brüstung
im Park weht so
einsam das Haar, im Wasser
sinken die
Bälle, vorbei an der Kinderhand
bis auf den
Grund, und es begegnet
das tote Auge
dem blauen, das es einst war.
Wunder des
Unglaubens sind ohne Zahl.
Besteht ein Herz
darauf, ein Herz zu sein?
Träum, dass du
rein bist, heb die Hand zum Schwur,
träum dein
Geschlecht, das dich besiegt, träum
und wehr dennoch
mystischer Abkehr im Protest.
Mit einer andern
Hand gelingen Zahlen
und Analysen,
die dich entzaubern.
Was dich trennt,
bist du. Verström,
komm wissend
wieder, in neuer Abschiedsgestalt.
Dem Orkan voraus
fliegt die Sonne nach Westen,
zweitausend
Jahre sind um, und uns wird nichts bleiben.
Es hebt der Wind
Barockgirlanden auf,
es fällt von den
Stiegen das Puttengesicht,
es stürzen
Basteien in dämmernde Höfe,
von den Kommoden
die Masken und Kränze ...
Nur auf dem
Platz im Mittagslicht, mit der Kette
am Säulenfuß und
dem vergänglichsten Augenblick
geneigt und der
Schönheit verfallen, sag ich mich los von der
Zeit, ein Geist
unter Geistern, die kommen.
Maria am Gestade
-
das Schiff ist
leer, der Stein ist blind,
gerettet ist
keiner, getroffen sind viele,
das Öl will
nicht brennen, wir haben
alle davon
getrunken ‑ wo
bleibt dein
ewiges Licht?
So sind auch die
Fische tot und treiben
den schwarzen
Meeren zu, die uns erwarten.
Wir aber mündeten
längst, vom Sog
anderer Ströme
ergriffen, wo die Welt
ausblieb und
wenig Heiterkeit war.
Die Türme der
Ebene rühmen uns nach,
dass wir
willenlos kamen und auf den Stufen
der Schwermut
fielen und tiefer fielen
mit dem scharfen
Gehör für den Fall.