Josef Haslinger, 1955
in Zwettl / Niederösterreich geboren, lebt in Wien als freier Schriftsteller.
Im Fischer Taschenbuch Verlag erschienen der Essayband "Das Elend Amerikas.
Elf Versuche über ein gelobtes Land", die Novellen "Der Tod des
Kleinhäuslers Ignaz Hajek / Die mittleren Jahre"; "Politik der
Gefühle. Ein Essay über Österreich" sowie der Essay "Hausdurchsuchung
im Elfenbeinturm".
Helmut Kramer hasst seinen Vater. Dieser hat auf dem Weg zum erfolgreichen Politiker die Ideale der Arbeiterbewegung verraten und gehört nun zum Establishment, das sich mit Designer-Möbeln und schicken Autos über die innere Leere hinwegtäuscht.
Helmut beschäftigt sich ausschließlich mit dem Computer. Er entwickelt ein Vater-Vernichtungs-Spiel, mit dem er - allerdings in Amerika - reich wird.
Ein weiterer Erzählstrang des Romans schildert die Vertreibung
und Vernichtung der baltischen Juden in der Nazi-Zeit. Die beiden Handlungern
werden am Ende zusammengeführt.
Josef Haslingers Dokumentarfiktion des Niedergangs von Weltanschauung Von Kurt Neumann
Helmut,
nein, Helmut wie sein Vater hatte er schon längst nicht mehr heißen wollen,
Kramer ermordet seinen Vater. Die Waffe entwickelt er erst in seinem Zimmer,
dem "Eisenraum" einer mondänen Luxusvilla, die dem ehemaligen
österreichischen Verkehrsminister Helmut Kramer von einem zeitfertigen
Architekten an den Rand des Wienerwaldes hingestaltet worden war; später feilt
er daran in einer kleinen Wohnung in der Wiener Kettenbrückengasse. Von dort
bricht er Hals über Kopf mit seinem auf Disketten gespeicherten Mordspielzeug
nach New York auf, um es an den Mann zu bringen.
Die nebulöse Aussicht, ein vor vierzehn Jahren auf
halbem Wege stecken gebliebenes Liebesabenteuer mit seiner ehemaligen
Studienkollegin Mimi Madonick alias Kralikauskas endlich seiner Vollendung
zuzuführen, vermag den Nesthocker hinauszutreiben, während der Winter über
Österreich hereinbricht. Eine erfüllte Liebesbeziehung nämlich hat dieser mit
der Milch der im Liberalismus sich badenden österreichischen Sozialdemokratie
hochgezogene 35-Jährige bislang noch nicht erlebt.
Als Einleitung und Ausgangspunkt jedes der vier
Romanteile dient der Versuch des zu Rupert umbenannten Helmut, mit dem Wagen
durch dichtestes Schneetreiben über faktisch unpassierbare Straßen des Wald-
und Mühlviertels einen Flughafen zu erreichen. Es ist der frühe Morgen des 3.
November 1999, der Flug nach New York ist für den Nachmittag von Frankfurt
gebucht, das Haus seiner geschiedenen Mutter, die des Helden Katze hüten soll,
liegt weitab.
Die fulminante Schleudertour des Romangefährts
führt jedoch einerseits in die vielfachen Windungen einer exemplarisch
österreichischen Familiensaga, stößt andererseits auf Hindernisse in Form von
protokollierten Zeugenaussagen, die unvermittelt auf der Textstrecke des Lesers
auftauchen. Der beruflich-geschäftliche Teil seiner Hoffnungen erfüllt sich im
schließlich erreichten New York. Das unklare Verlangen aber, sich seiner
"ersten wirklichen Liebe" Mimi wieder anzunähern, stößt ihn im
letzten Teil des Buches vollständig unvorbereitet in eine Situation, auf die
gleichsam hinter dem Rücken des Ich-Erzählers die Lesenden des Buches
schrittweise vorbereitet worden sind.
Die Beziehung zwischen dem sozialistischen
Studentenfunktionär in Wien und einer angehenden Junglehrerin, Tochter eines
konservativen Hauptschullehrers aus der niederösterreichischen Provinz, stiftet
das Dispositiv der tragikomischen Familiengeschichte, deren Ausfaltung und
Deformierung sich der Autor mit Akribie und liebevoller Bosheit widmet. Er
setzt dies in Form von Berichten des aus dieser Verbindung hervorgegangenen
Sohnes ins Werk, die an mehreren Stellen von Stimmen der vorübergehend zum
Erzähl-Ich emanzipierten Objekte dieses Berichtes aufgeladen werden. In einer Folge
grotesker und komischer Szenen und Elementen einer nacherzählten Aufklärung von
Zusammenhängen mischt Haslinger herkömmliche literarische Genres neu auf.
Obwohl die Nähe zu TV-Familienserien, zum Gestus des Unterhaltungsthrillers
unverkennbar ist, bleibt die Struktur dem dokumentarischen Erzählen streng
verpflichtet.
Haslinger fasst die Personen des Romans nicht in
den tiefliegenden Schichten ihrer Gewordenheit, sondern an den zutage tretenden
Fakten. Damit folgt er auch in seiner zweiten großen Romankomposition einem
literarischen Programm, das in der amerikanischen Literatur erstmals Anfang der
30er-Jahre in der so genannten Objectivist
School formuliert und von zahlreichen, einer positivistischen
Weltauffassung verpflichteten Autoren der amerikanischen Gegenwartsliteratur
ausdifferenziert worden ist.
Der Anti-Held Rupert-Helmut allerdings erfüllt im Vaterspiel einerseits seine
Berichtspflicht in lakonischer Selbstdistanz, agiert andererseits als ein von
Hass und Selbsthass zu kreativer Höchstleistung Getriebener: Der Vater soll
mitsamt seinem wiederholten Taugenichts-Verdikt durch die avanciertesten Mittel
der Videoanimation zerstört werden.
Das objektivierende, dokumentarische Element kommt
im zweiten Strang des Romans, den Protokollen der Zeugenaussagen des aus
Litauen gebürtigen amerikanischen Staatsbürgers Jonas Shtrom, zur
konzentrierten Darstellung. Jonas Shtrom berichtet die Geschichte seines
Überlebens und die der schrittweisen Auslöschung seiner Familie im Zuge der
Mord- und Vernichtungsaktionen, die litauische und deutsche Verbände und
Truppen nach dem Einmarsch der Deutschen in Litauen im Juni 1941 mit
unvorstellbarer Brutalität vor allem gegen die jüdische Bevölkerung gerichtet
hatten.
Ein vormaliger Mitschüler des Zeugen an der
deutschen Schule im litauischen Klaipeda, deutsch Memel, hatte bei diesen
Mordaktionen eine besonders fatale und gnadenlose Rolle gespielt und sich der
Ermordung von Shtroms Vater mitschuldig gemacht. Den Beweis dafür hatte Shtrom,
nunmehr Journalist der Chicago Tribune,
anhand einiger Fotografien, die ihm im Zuge der Nürnberger Prozesse zugänglich
geworden waren, erhalten. Bei einer Ehrung verdienstvoller Immigranten in
Chicago erkennt Shtrom 22 Jahre nach seiner Befreiung aus dem KZ Dachau, in das
er schließlich transportiert worden war, jenen Mitschüler Algis, Sohn eines
vormaligen, litauisch patriotischen Politikers, wieder.
So also offenbart sich die kompositorische Dynamik
des Romans: Ein sich vom Politikervater mit mörderischen Fantasien ablösender
Sohn erhält im Politikersohn, dem in der dokumentarisch erschlossenen Realität
auch der Preis, zum Massenmörder und Kriegsverbrecher zu werden, nicht zu hoch
war, um den nationalistischen Idealen des Vaters bedingungslos zu folgen, eine
Spiegelfigur. Den hemmungslosen Destruktionen sowohl im konservativen wie auch
im sich fortschrittlich wähnenden Flügel der österreichischen Modellfamilie
wird der vergebliche Einsatz des Lebens, den Zusammenhalt einer Familie unter
radikaler Bedrohung und Verfolgung zu retten, entgegengestellt.
Die Überfülle materieller Details der erzählten
Jetztzeit fesselt die Protagonisten in ihrem kurzsichtigen und reaktiven
Wohlstandsgetöse und entzieht ihnen somit jede Einsichtsmöglichkeit und
Bewertungsgrundlage des eigenen Tuns.
Der Niedergang der österreichischen
Sozialdemokratie, der sich zum fassungslosen Erstaunen ihrer führenden
Exponenten trotz oder, wie der Roman zu vermuten gibt: wegen ihres unbedachten
Nachbetens von zeitgeistigen Management- und Marketingphrasen vollzieht, ist in
die unterschwellige Analyse von Das
Vaterspiel eingebettet. Die Bemühung des alten Freiheitskämpfers, im
Zerfall der Familie, nach dem erzwungenen Rücktritt seines Sohnes vom Ministerposten,
eine Art moralischer Position zu behaupten, kommt zu spät und geht ins Leere.
Die mit allerlei erzählerischem Zierat und Allusion
geschmückte Oberfläche des Romans scheint ausgelegt, um von den dramatischen
Tiefenstrukturen abzulenken. Aber die Neugier zu erfahren, wie die
Weltentwürfe, die sich als nicht tauglich erwiesen haben, den
Menschengesellschaften zu nützen, vom Autor in der Romankonstruktion verbunden
werden könnten, wächst im Fortgang der Lektüre.
Dem in seinen Affekten befangenen Fantasiehelden
können Staunen und Erfahrung der Fremde nicht mehr wie dem Helden Eichendorffs
zum Gewinn von Freiheit und Glück dienen. Unentrinnbar wirkt die Umklammerung
des tagespolitisch aufgeladenen Familienspiels, zu menschenfern und monologisch
sind die virtuellen und halluzinogenen Harmonievorstellungen, zu schrecklich
die Geschichte, in die er geraten ist, der er sich nicht mehr entziehen kann.
Als einem, der unter Vorbehalt auszog, Glück und Anerkennung in der materiellen
Welt zu finden, wird ihm erreichbar, am Ende des Jahrhunderts dem (nach
Kriegsende unter dem Mutternamen seiner Wiener Studienfreundin in die USA
gelangten und dort seit 32 Jahren untergetauchten) Kriegsverbrecher Algis
Munkaitis sein brüchig gewordenes Versteck zu restaurieren.
Der im Videospiel simulierte und
via Internet von jedem als Akt des Konsums begehbare Mord an dem Vater wird zum
realen Auslöser des Selbstmordes des vom Glück des Wirtschaftsjongleurs und der
Parteigunst verlassenen Exministers. Mit dem Erscheinen des von seinem Sohn
entwickelten Vatermordspiels auf der Oberfläche der Simulationsmaschine ist dem
Vater auch seine letzte Fehleinschätzung offenbart: Seine Sohnesliebe zeigt
sich als eingebildet, da ihr nur Hass entgegenschlägt. Damit, so scheint es,
kann sich aber auch dem Weltentwurf des Sohnes kein Feld unschuldiger Bebauung
mehr eröffnen. Die Entwicklung zum Besseren, die Idee eines Fortschritts der
Menschen bleiben verspielt. []
Josef
Haslinger, Das Vaterspiel. Roman.
öS 318,-/576 Seiten,
S. Fischer, Frankfurt/Main 2000.
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des Dokuments
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Vanderbeke: Das Muschelessen Andreas
Steinhövel: Die Mitte der Welt Franz Kafka:
Brief an den Vater Peter Henisch: Der
schwarze Peter Peter Henisch:
Die kleine Figur meines Vaters Peter Härtling:
Nachgetragene Liebe Michael
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